Rolling in the deep

Guten Abend meine Lieben!

Vom heutigen Tag gibt es nicht viel zu berichten. Ich war bei meinem Psychiater, meine zweite Stunde. Und es war sehr gut. Also insofern man eine Sitzung als gut bezeichnen kann.
Jedes Mal wenn ich mit ihm spreche, bringe seine Ansätze mich auf neue Gedanken, die ich in der Form so noch nie hatte. Durch seine Fragen gräbt er tiefer in meinen emotionalen Misthaufen, als mir lieb ist. Also eher, weil er Dinge zum Vorschein bringt, die ich nicht so gerne sehen würde – nicht weil ich nicht will, dass er sich in meine Tiefen vorarbeitet. Es ist sein Job. Und ich will, dass er das tut. Denn ich will vorankommen – und das wird natürlich nicht immer einfach.

Wir haben wiedermal über meine verkorkste Familiensituation geredet. Meine Mutter und die Scheidung meiner Eltern. Meinen Bruder, der zu Gewalt neigte… und meine Probleme damit, mich zu wehren. Ich habe mich meinem Bruder gegenüber immer als Opfer gesehen. Und das erste Mal in meinem Leben, hat mir jemand gesagt, dass das nichts schlechtes ist. Dass ich das Opfer war, zeugt von meiner Entscheidung Probleme nicht mit Gewalt zu lösen. Von der inneren Stärke, lieber einzustecken, als Menschen zu verletzen, die mir was bedeuten. Von meiner pazifistischen Einstellung. Und mein Therapeut meinte, dass das was positives ist. Obwohl ich ein ‚Opfer‘ war. Dieser Mann bringt mir neue Denkanstöße. Und auch wenn es natürlich irgendwie schmerzhaft ist, in der Vergangenheit zu graben, bringt es mir am Ende Erlösung.

Wir haben uns auch wieder über meine Beziehung mit und zu meinem Kryptonit-Menschen unterhalten. Das ist wirklich jedes Mal wieder ein Erlebnis. Die Fassungslosigkeit fremder Menschen, wenn ich ihnen von dem erzähle, was er mir angetan hat, verwundert mich jedes Mal auf’s Neue. Für mich ist das alles so zu meiner schrecklichen Normalität geworden, dass ich es nicht mal mehr als furchtbar wahrnehme. Ich kenne es ja nicht anders. Diese Kontinuität, mit der er mich verletzt hat, hat mein Empfinden so abgestumpft, dass ich den Schmerz als nichts besonderes mehr fühlte. Er war immer da. Und wenn ich nun anderen davon erzähle, können die gar nicht glauben, dass und wie ich das ausgehalten habe. Ich empfand es als normal. Und das machte es erträglich… Liebe muss weh tun, oder etwa nicht? Das Leiden wird ein Ende haben, oder? Er wird sich für mich entscheiden, vielleicht eines Tages?
Nunja, auf jeden Fall hilft mir das Reden. Bleibt nur abzuwarten, wie sehr es hilft.

Heute haben wir zum ersten Mal davon gesprochen, dass ich die Tabletten eines Tages absetzen muss. Entweder nach drei Monaten, oder nach Sechs. Nach drei Monaten – das heißt in etwa sechs Wochen… Ich will gar nicht daran denken…
Es geht mir momentan vergleichsweise gut. Und ich will diesen früheren Zustand nicht wieder zurück. Nie wieder. Und ich will dass es mir weiter gut geht. Bitte…
Es ist traurig, wie viel Angst ich vor dem Tag habe, an dem ich wieder ohne Tabletten klarkommen muss…

Ich will nie wieder nur überleben… ich will leben. Und zwar den Rest meines Lebens, nicht nur die nächsten vier Monate.

Einen schönen Abend noch!
Euer Fräulein Mit-Ohne-Gefühl

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3 Gedanken zu “Rolling in the deep

  1. meines wissens gibt es keine richtlinie, die zwingend vorschreibt, das medikament nach 3 bzw. 6 monaten wieder abzusetzen. bei erstmalig aufgetretener depression kann man’s nach ’nem halben jahr mal probieren, und falls die depression wiederkommt, dann nimmt man die medis eben noch ein weilchen länger. bei chronischer oder rezidivierender depression kann die medikation auch mal über jahre (oder jahrzehnte) gegeben werden.
    mach dir mal keinen stress deswegen. warte ab, wie’s dir in ein paar wochen/monaten geht. wenn alles gut ist, kannst du die tabletten absetzen (oder dosis reduzieren) und gucken, was passiert. vielleicht stellst du dann fest, dass es dir auch ohne tabletten gut geht und du sie nicht mehr brauchst. und falls es doch wieder doof wird, nimmst du das medikament eben nochmal eine weile.

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  2. „Für mich ist das alles so zu meiner schrecklichen Normalität geworden, dass ich es nicht mal mehr als furchtbar wahrnehme.“
    Ich kenne das nur zu gut… ich bin dann immer geschockt weil ich nicht verstehe warum mein Gegenüber so geschockt ist von dem was ich erzähle.. ist doch voll „normal“.
    Meistens wird mir dann erst bewusst wie schlimm es wirklich ist.
    Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg bei der Therapie, kann dir übrigens nur zustimmen mit dem was du schreibst, auch mein Therapeut bringt mich immer wieder auf neue Gedanken. Gräbt aber ab und zu auch mal zu viel in meiner Seele ;O

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  3. Liebes Fräulein,

    oh ja – Therapeuten können einen auf Gedanken bringen, die man sich vorher noch nie so gemacht hat. Und wenn man ein kreativer Mensch ist, geht das noch viel einfacher ;-)

    Was ich noch nicht so ganz verstehe ist dieser Kryptonit-Mensch. Ist es ein ehemaliger Freund von dir, mit dem du mal zusammen warst und der – wie Kryptonit Superman – aus dir Kraft gesaugt hat weil er selbst ein riesiges schwarzes Loch in sich trägt? Falls ja, hört sich das nach einem Narzissten an. Schau mal hier:
    http://www.hochsensible-menschen.de/2014/01/narzissmus-beziehung-hochsensible.html

    Liebe Grüße,
    Julia

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