WIESO?

Ich verstehe es nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Wieso schon wieder? Wieso er? Was habe ich diesmal falsch gemacht?

Einer meiner beiden Hamster ist gestern gestorben. Die beiden, Merry und Pippin, waren meine kleine Therapie als die Depression stärker wurde, weil sie mir eine Aufgabe gegeben haben. Jetzt ist Merry alleine. Die beiden waren Brüder, die ich als ‚Notfall‘ aufgenommen hatte.
Meine beiden Kleinen sind auch handzahm gewesen, obwohl ich nie mit ihnen gespielt habe oder so. Ich finde Hamster sind keine Kuscheltiere. Ich habe sie immer als das behandelt was sie sind – fühlende Wesen. Dass es ihnen stets gut ging muss ich ja nicht dazusagen.
Und jetzt ist Pippin tot. Einfach so. Gestorben im Schlaf. Zusammengerollt. In seinem Häuschen verborgen.
Ich habe ihn erst gestern Abend beim Ausmisten gefunden. Mir ist aufgefallen, dass ich ihn den ganzen Tag noch nicht gesehen hatte. Als mich ein mulmiges Gefühl beschlich, weil er auch bei dem Lärm den ich veranstaltete nicht rauskam, hab ich nachgesehen.
Und da lag er. Schon ganz kalt und starr. Also schon ein paar Stunden tot. Ich habe ihn aus seinem Häuschen geholt und in ein Schächtelchen auf Watte gebettet. (Und dann habe ich ihn in den Tiefkühler verfrachtet, weil ich ihn bei mir zuhause im Garten begraben möchte, wenn ich in drei Tagen heimfahre. Ist für mich nicht so makaber, wie es klingt. Leichen bewahrt man ja auch in der Kühlung auf, bis man sie beerdigt.)

Ich habe natürlich fürchterlich geweint. Mein ansonsten leeres und kaltes Herz ist gefüllt mit Trauer. Wieso? Wieso hat man mir meinen kleinen Liebling genommen? Und vor allem: Wieso schon wieder?

Fast auf den Tag genau vor einem halben Jahr, am 14. und 16. Juli, sind meine beiden geliebten Zwergkaninchen eingeschläfert worden. Die beiden waren wie meine Kinder und als ich die beiden jeweils zum Tierarzt gefahren habe und ihnen über den Kopf gestreichelt habe, bis sie eingeschlafen waren, war ich kurz davor den Verstand zu verlieren. Es tat so unfassbar weh, seine beiden Babys sterben zu sehen, während man nichts tun kann. Sich Vorwürfe zu machen, weil man ihnen nicht helfen konnte. Sie sind wegen einem furchtbaren Leiden eingeschläfert worden. Aufgrund der schwülen Sommerhitze haben Fliegen ihr Eier an ihnen abgelegt und die Maden haben sie bei lebendigem Leibe von innen aufgefressen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zuerst das eine, meine widerspenstige Bailey, und dann das andere, meinen kleinen Amaretto, erlösen zu lassen. Man konnte leider gar nichts mehr für sie tun und das war das schlimmste. Ich hatte versagt. Ich habe es einfach nicht früh genug bemerkt. Es war zwar nicht meine Schuld, weil der Befall wahnsinnig schnell geht, aber trotzdem kann ich es mir nicht verzeihen.

Aber vor allem kann ich es „Gott“, oder wem auch immer, nicht verzeihen. Wenn es einem ohnehin schon so schlecht geht, weil einem die Liebe seines Lebens nicht vergönnt war, dann nimmt man dieser Person doch nicht auch noch die einzigen beiden Wesen, die sie mehr liebt als alles andere auf der Welt! Man hat mir wirklich alles genommen und zu dem Zeitpunkt war ich verzweifelt. Und resigniert. Ich saß weinend und schreiend nachts auf einer Bank auf meinem Lieblingsberg. Ich verfluchte alles und jeden, der mein Schicksal in der Hand hat. Und ich tue es heute noch.
Wenn man mich unbedingt dazu bringen will aufzugeben – mein Leben wegzuwerfen, weil es keine Bedeutung mehr hat – dann ist mir die Dinge wegzunehmen die ich am meisten liebe ein verdammt effektiver Weg.

Ich fühle mich einfach wieder genau wie damals. Ich habe es damals kaum verkraftet. Ich habe mich in meiner Wohnung isoliert und bin wochenlang nicht nach Hause gefahren, weil ich dort den leeren Stall sehen hätte müssen. Auf dem Heimweg vom Tierarzt, im Auto mit meinem toten Kaninchen neben mir, war ich wirklich verdammt nah dran, einfach meine tränenverschleierten Augen zu schließen und dem Ganzen hier und jetzt ein Ende zu setzen. Ich tat es nicht, weil meine Familie es nicht ertragen hätte – und in diesem Moment fühlte ich ja selbst wie es ist, ein geliebtes Familienmitglied zu verlieren.
Und nun sitze ich hier. Unendlich traurig. Wieder voller Zorn. Und mit nur einer Frage, der, die immer bleibt… Wieso?

Ich habe das Häuschen genauer untersucht und dabei etwas gefunden, was den Tod des Kleinen vielleicht verschuldet hat – Milben.
Daraufhin habe ich den größeren Bruder in eine Transportkiste gesetzt, ihm eine Notausrüstung zusammengestellt, zwei Näpfe mit kochend heißem Wasser gewaschen und ihn ins Schlafzimmer getragen, weit weg von dem Käfig. Dann habe ich improvisiert und ihm mit einem Wattestäbchen Teebaumöl auf den Nacken getupft. Da Zeug hilft ja auch gegen Mücken und Zecken, vielleicht hilft es auch erstmal die Milben von ihm zu vertreiben und fern zu halten. Die Leben nämlich nur in seiner Umgebung und nicht direkt auf ihm. Jetzt steht er also in meinem Schlafzimmer und randaliert, weil ihm die Box natürlich viel zu klein ist. Aber es hilft nicht. Ich muss heute Nachmittag erst den Käfig grundreinigen/desinfizieren und alle Sachen abkochen/im Ofen erhitzen/einfrieren bevor er da wieder rein darf.

Dieses Mal wird es nicht wie bei den Kaninchen sein. Ich werde ihn retten. Ich werde nicht nur zusehen wie er stirbt. Ich gebe ihn nicht auf. Wenn sein kleiner Bruder (er war tatsächlich etwas kleinwüchsig) schon gestorben ist, sei es an den Milben oder aus einem anderen Grund, dann werde ich ihn nicht auch noch verlieren.
Kaninchen oder Hamster werde ich nicht mehr aufnehmen. Am besten gar keine Tiere mehr. Ich schaffe das einfach emotional nicht…

Ich war ja grade Essen… und den ganzen Abend war ich nur ein Schatten meiner selbst. Ich hatte mich nicht getraut ein Antidepressivum zu nehmen, das mich beruhigt, weil ich Angst hatte davon sehr müde zu werden… ich saß also am Tisch, mit gesenktem Blick und umgeben von einer Wolke Traurigkeit. Schien gar keinem aufgefallen zu sein. Es hat mich zumindest niemand gefragt was los ist… Wieso auch… ist ja normal, dass ich so bin. Kam in letzter Zeit ja häufiger vor.

Ja… jetzt liege ich hier und höre dem kleinen Merry zu, wie er im Einstreu scharrt. Und vergieße eine weitere Träne bei dem Gedanken, dass ich Pippin nie wieder scharren sehen werde…

Natürlich werde ich darüber hinwegkommen… Ich habe auch gelernt meine Kaninchen nicht zu vermissen… Aber wie heißt es so schön…
What doesn’t kill you, leaves you broken.

Wenn jemand eine Antwort auf mein „Wieso?“ hat, bitte fühlt euch frei sie mir mitzuteilen.
Gute Nacht noch, euer Fräulein (das euch den Tipp gibt, den Beitrag mal einzeln aufzurufen)

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10 Gedanken zu “WIESO?

  1. Hallo!
    Ich schreibe dir jetzt von meinem Handy, weil mein Laptop weit weg steht und ich dir so schnell wie möglich antworten wollte.
    Ich habe – und hatte – Hamster. So ein Verlust ist wirklich schwer zu ertragen und für mich ist dann jedes Mal eine kleine Welt zusammengebrochen.

    Aber so hart das klingt: Es ist leider so. Besonders Zwerghamster haben keine lange Lebensdauer – und jedes Jahr, jeder Monat mit deinem Schützling war ein Gewinn. Dort, wo dein Kleiner jetzt weilt, hat er Seelenfrieden und das, was ihn gequält hat, wird ihn jetzt nichts mehr anhaben können.

    Vielleicht ist es etwas seltsam, dass ich dir so etwas schreibe, aber ich hoffe, es tröstet dich etwas und hilft dir über diesen Verlust hinweg. Auch, wenn ich keine Antwort auf das Wieso habe. In meinem Leben hat auch noch keiner auf

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      • Ja, besonders, wenn eines dieser kleinen Lebewesen viel früher verstirbt als es eigentlich sein sollte, ist es schwer zu begreifen. Und noch schwerer zu verkraften. Aber Ohren steif halten, so blöd das auch klingt. Ich könnte auch alle Menschen anschreien, die das immer zu mir sagen, aber auf die Dunkelheit folgt immer das Licht. Irgendwann einmal.
        Das ist eine gute Einstellung! Sollte ich mich wohl mal ein Beispiel nehmen (; Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass du Merry das Leben rettest und ihm das beste Hamsterleben auf Erden bescherst!

        Es ist immer viel einfacher, sich mit den Sorgen anderer Menschen zu beschäftigen als mit seinen eigenen. Ich kann also nur dir danken <3

        Alles Liebe!

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      • Ach Kleines.
        Wir kriegen das beide hin. Aber wir dürfen nicht aufgeben, auch wenn uns noch so viele Rückschläge und Verluste aus der Bahn werfen.

        Ich will zwar nicht, dass du deine Sorgen verdrängst, aber ich weiß wie gut das tut, wenn man sich nicht mit sich selbst beschäftigen muss.

        Ich wünsche dir viel Kraft. Alles Liebe!

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  2. Liebes Fräulein Mit-Ohne-Gefühl
    Als mein Pflegepferd -ihr Name war Nadira- gestorben ist, wäre ich beinahe an meiner Trauer erstickt. Ich konnte teilweise nicht mehr richtig atmen vor ungeweinten Tränen. Ihr Tod ist jetzt genau drei Jahre und zwei Monate her… und ich vermisse sie immer noch. Doch es wird besser… jeden Tag ein Stück, und irgendwann wirst du feststellen, dass du deinen Pippin zwar immer noch vermisst, aber sein Andenken bewahren kannst. Denn darum geht es: Das Andenken zu bewahren an viele schöne Stunden mit deinem Liebling. Irgendwann wirst du sehen, dass jeder einzelne Tag mit ihnen ein Geschenk war. Irgendwann wird der Schmerz erträglich.
    Auf deine Frage nach dem Warum habe ich keine schlüssige Antwort- obwohl ich wünschte, ich hätte eine. Tut mir leid.
    Ganz viel Liebe und Wärme
    Achlys

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    • So ging es mir bei Amaretto. Er war quasi eine Handaufzucht und auf Menschen geprägt und dementsprechend anhänglich.
      Als ich mit ihm zum Tierarzt gefahren bin und wusste was ihn erwartet war das der schrecklichste Moment in meinem Leben. Zu wissen, dass es das letzte Mal ist, dass ich ihn mit seiner Nase schnuffeln sehe und dass er mir das letzte Mal über den Handrücken schleckt…. Das tut immer noch weh. Er war einfach mein Baby. Und als ich ihn sterben sah, ist wieder ein Teil mehr von mir gestorben…
      Pippin ist nur ein halbes Jahr bei mir gewesen, meine Kaninchen sechs.
      Ich kann mit dem Schmerz zwar umgehen, aber das macht ihn nicht weniger quälend.
      Danke für die netten und tröstenden Worte. Die Wärme ist leider nicht imstande die Kälte in mir zu durchdringen, aber eines Tages vielleicht wieder…
      Liebe Grüße!

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  3. Hallo,
    wir kennen uns noch nicht, aber was Viehzeug beerdigen angeht, fühle ich mit Dir. Wenn ein Tier ein schönes Leben hatte und friedlich einschläft, ist das für mich ok und halt Natur (wobei natürlich unsere Küchengeier im Fall der Fälle ein größeres Loch in mein Leben reißen würden als wenn ein Huhn stirbt, einfach, weil die Sittiche stärker im Alltag eingebunden sind).
    Kommt ein junges Tier durch Unfall oder Krankheit ums Leben, ist das bitter.
    Ich habe auch mal ein Huhn verloren, weil es von Vogelmilben leergetrunken worden ist. Ich war damals nicht sehr fit, hatte nur im „Standartprogramm“ versorgt und zwar gemerkt, daß das Huhn „irgendwas“ hat, aber auf Milben bin ich nicht gekommen, weil ich die Hühner durch ein hochgelobtes Mittel geschützt dachte.
    Ich fühlte mich ziemlich schändlich, konnte aber für das arme Viech nichts mehr tun.
    Ob man, um sich den Schmerz zu ersparen, gar keine Tiere halten sollte – ich bin mir nicht sicher. Mein

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  4. gibt es hier eine Buchstabenbegrenzung? Fortsetzung: Meine Viecher sind auch als „Therapietiere“ angeschafft worden. Wenn Dir das zu riskant ist – wäre vielleicht eine Dauerkarte in einem Zoo/Tierpark eine Lösung? Als mein Vater gestorben war, haben wir meine Mutter öfters in Tierparks mitgenommen. Es ist meiner Meinung nach die beste Möglichkeit, auch mal herzhaft zu lachen.
    Deine „Wieso“ -Frage beschäftigt mich auch – mein Nachbar findet Trost im Glauben, aber mir ist die alte Sichtweise, daß sich die Götter mit den Menschen nur einen Scherz erlauben, oft plausibler. Verbrecher oder Leute ohne Anstand und Moral fallen auf die Füße, andere landen unverschuldet im Unglück. Überzeugt nicht unbedingt von einer barmherzigen höheren Macht…
    Gib Dir nicht die Schuld mit dem Hamsterchen – die kleinen Kerle haben wirklich eine kurze Lebenszeit, vielleicht stammte er auch aus Inzucht, zumindest hatte er es bei Dir gut gehabt in seinem Leben.

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    • Liebe Spottdrossel,
      ich freue mich von dir zu hören, ich lese die Geschichten von deinem Federvieh sehr gerne.
      Ich mach mir nicht mehr so viele Vorwürfe wie gestern. Ich finde es nur einfach unfair, dass ich keine Möglichkeit hatte ihm zu helfen.
      Das mit dem Zoo ist leider keine Alternative. Die Tiere dort leiden zu sehen finde ich schrecklich. Ich lebe vegan, ich esse nicht nur vegan. Ich kann dem leider nichts abgewinnen :(
      Meine Hamster sind ja auch Notfälle gewesen, ich würde keine Tiere im Zoohandel kaufen.
      Aber ich weiß, wovon du redest. Ich stand heute in der Zoohandlung vor den Glaskästen und als die Tiere ans Gitter kamen, musste ich lächeln. Es machte mich glücklich zu merken, dass die Tiere mich mögen – spüren, dass ich ihnen nichts böses will.
      Ich werde in Zukunft öfter mal da vorbeischauen.

      Ich glaube ich werde auch nie ohne Tiere leben wollen. Ich liebe ihre Anwesenheit einfach zu sehr.
      Ich werde mir vielleicht nur keine Hamster mehr zulegen. Die Kleinen sterben wirklich zu schnell :(

      Vögel habe ich vor ein paar Jahren auch schonmal in Erwägung gezogen, aber da hatte ich noch keine zwei Zimmer. Und die sind ja gerne mal gesprächig :D
      Liebe Grüße!

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