Bilder

Guten Abend!

Heute hatte ich mein erstes richtiges Therapiegespräch. Also eigentlich immer noch nicht wirklich, aber es war mein Kennenlern-Gespräch.
Mein Psychotherapeut ist wirklich nett und wir haben sogar zusammen gelacht :)
Trotzdem war das alles nicht nur Jux und Tollerei. Er hat mir viele Fragen gestellt, über deren Antworten ich so noch nie nachgedacht habe. Es war wirklich interessant, mal von einem komplett anderen und neuen Gesichtspunkt an manche Dinge, zum Beispiel wie meine Mutter sich mir gegenüber verhält, heranzugehen.
Er hat mich auch gefragt, wie ich mir die Therapie vorgestellt habe und was ich denke, dass sie bewirkt. Naja, darauf wusste ich keine Antwort. Ich habe zwar immer daran gedacht, dass sie mir helfen kann – aber nie drüber nachgedacht, wie. Das wunderte mich schon etwas, weil ich ja normalerweise dazu tendiere, alles tot zu denken.

Das Denken ist manchmal wirklich ein großes Problem… Heute bin ich zu meiner besten Freundin gefahren, die ganz in der Nähe meines Vaters wohnt. Ich saß im Zug am Fenster und sah die Landschaft vorbeiziehen. Die weißen, schneebedeckten Hügel und die einzelnen Häuser dazwischen, die Wälder aus Tannen mit ihren weißen Hauben. Dazu umgarnte mich aus meinen Kopfhörern das neue Album von Hozier. Es war wirklich eine schöne Szene.

Aber während die Bilder vor meinen Augen zunehmend in der Dämmerung verschwanden, drängten sich andere in meinen Kopf. Bilder von glücklicheren Tagen, Bilder von alten Freunden, Bilder von meinem Kryptonit-Menschen. Je dunkler es draußen wurde, desto mehr dieser quälenden Erinnerungen ließ mein Gedächtnis frei. Als ich merke, dass ich kurz davor war, wieder eine Klippe herunter zu fallen, wusste ich dass ich handeln muss, wenn ich nicht als Wrack bei meiner Freundin ankommen will. Und so nahm ich eine halbe Beruhigungstablette. Sicher ist sicher. Besser ich bin etwas betäubt, als etwas depressiv.
Nicht jetzt. Die Depression hat hier keinen Platz. Außer meiner Soulsister weiß es hier auch niemand. Und ich bin mittlerweile gut genug im Verbergen geworden, um erfolgreich dafür zu sorgen, dass es auch so bleibt. Denn auch hier geht es um Bilder. Die Menschen, die zu meiner Familie gehören habe alle ausnahmslos keine Ahnung von meiner Krankheit. Weil jeder von ihnen ein Bild von mir im Kopf hat, dass er/sie behalten soll. Meine Familie ist eine stetige Konstante. Und ihre Art mit mir umzugehen soll sich nicht verändern – vor allem weil ich kaum glaube, dass es für mich positiver wäre.

Und jetzt liege ich hier auf meiner Matratze und tippe das ins Handy, weil ich mein Netbook aus Platzmangel zuhause gelassen habe. Zusammen mit meinem Hamster, der solange das Amt des Hausherren übernimmt.
Bald hat er noch eine Gefährtin, auch wenn ich die beiden lieber nicht zusammen lasse. Ab Anfang Januar werde ich noch mehr Ablenkung haben. Erstens durch die Lernphase für meine Prüfungen, zweitens durch mein neues kleines achtbeiniges Schmuckstück und drittens durch weitere Probetermine bei neuen Therapeuten und natürlich auch weiteren normalen Terminen bei meinen jetzigen Psychologen (ich denke der richtige Begriff wäre Psychiater, aber das klingt nicht so nett).
Hoffentlich komme ich so gut ins neue Jahr. Morgen um die Zeit hat es schon begonnen.

Die Zeit vergeht so rasend schnell. Und kein verlorener Tag kommt je zurück. Ich muss jetzt leben, in der Gegenwart, egal wie schön die Bilder der Vergangenheit sind…

Eine gute Nacht euch allen, schlaft euch aus!
Liebe Grüße, euer Fräulein Mit-Ohne-Gefühl

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Schnee

Guten Abend!

Heute habe ich nichts von meinem Tag zu berichten, außer dass mir im Einkaufszentrum etwas seltsames aufgefallen ist.
Als ich mir meinen Weg durch die Menschenmassen bahnte und ihnen allen in die Augen sah, fühlte ich mich auf angenehme Weise „abgehoben“. Es war kein Gefühl von Arroganz, wenn ihr das jetzt denkt. Nein, es war gewissermaßen als würde ich eigentlich über dem ganzen Geschehen schweben und wäre nur ein Zuschauer. Ich betrachtete quasi meine Umgebung nicht durch meine Augen, sondern irgendwie wie ein auktorialer Erzähler. Das war ziemlich abgefahren. Wirklich, das war genauso schräg wie cool.
Aber ich weiß nicht, woran das lag. Entweder bin ich mittlerweile völlig weltfremd oder die Tabletten haben abgespacete (das Wort sieht geschrieben dümmer aus, als in meinem Kopf) Nebenwirkungen oder ich fange einfach nur an, wahnsinnig zu werden ^^

So, aber jetzt wieder normale Themen: Schnee. Der lag heute glitzernd und kalt überall. Und wie jeder, finde auch ich ihn schön. Wie er da so liegt und alles mit einer weißen Decke überzieht. Und naja, ich finde Schneeflocken in ihrer ganzen Einzigartigkeit und Kälte und Anmut irgendwie inspirierend.
Ich fühle mich schließlich ähnlich. Aber Schneeflocken sind sehr verletzlich. Sie schmelzen auf der Haut, sie schmelzen in der Sonne, sie vermischen sich miteinander und verlieren ihre Form, sie werden zu grauem und nass-kaltem Matsch.
Und schon werden aus schönen Bildern wieder traurige Gedanken…
Genauso wie aus dem glitzernden Schnee unter der Straßenlaterne Matsch wird, wenn man drüber läuft, so werden aus freudigen Gefühlen so schnell traurige, wenn ich über sie nachdenke.

Metaphern eignen sich manchmal wirklich sehr gut, um meine Situation zu beschreiben… und doch sind sie nicht genug um auszudrücken, was in mir vorgeht.
Was aber gar nicht so schlimm ist, wenn ich bedenke, wie viele Sorgen sich meine beste Freundin alleine wegen den relativ metaphorischen Einträgen macht… Ich will meine Umgebung doch nicht noch mehr belasten… ich kann die Schuldgefühle ja jetzt schon schwer zerstreuen…

Aber wie bei allen Herausforderungen im Leben, wachse ich auch an dieser irgendwann. Ich muss nur durchhalten, das mache ich schließlich schon seit ich diese Krankheit habe.

Und ich habe nicht vor, damit aufzuhören.

Einen guten Abend und viel Schnee euch allen!
Euer Fräulein Mit-Ohne-Gefühl

Gedanken der Nacht…

Ich hab mir immer gewünscht nichts zu fühlen… Nach der Sache mit ihm. Ich habe so oft innerlich brennend vor Schmerz zum Himmel hinauf geschrien und mir gewünscht dass der Schmerz aufhört. Und am besten alles. All diese Gefühle die mich innerlich zerstört und mein Herz zerrissen haben. Die Sehnsucht. Die Wut. Die Trauer. Die Verzweiflung. Der Hass. Auf mich. Auf ihn. Auf sie. Auf alles.

Hätte die Welt in diesen Momenten aufgehört sich zu drehen, oder hätte nur mein Herz kapituliert – hätte es endlich aufgehört zu schlagen – es wäre gut gewesen. Ich hätte es sogar begrüßt. Hätte die kurze Leere, bis deinem Gehirn der Sauerstoff ausgeht, als Erlösung empfunden. Das lange erwartete Ende. Erlösung… Ein schönes Wort. Wann werde ich von diesem Leben erlöst? Es gibt nichts mehr wofür es sich zu leiden lohnt. Hoffnung ist die schlimmste aller Qualen.
Vielleicht schaffe ich es eines Tages einzuschlafen, ohne diese Gedanken.

Aber bis dahin liege ich inmitten der Leere. Ohne Gefühl. Das, was ich mir immer gewünscht hatte. Und verfluche und liebe es gleichermaßen.

Gedankenspielereien

Guten Abend meine Lieben!

Heute war einfach nur ein entschleunigter Sonntag. Denn wenn man nichts tun kann, was auf der To-Do-Liste steht, dann tut man eben nichts.
Und genau das war auch gut so. Es ist okay, wenn ich mich selbst mal zur Ruhe kommen lasse, auch wenn ich momentan eigentlich endlich mein Leben in den Griff kriegen will. Aber ich soll mich nicht überfordern, das bekomme ich ständig zu hören.

Nun gut, also mein Tag bestand physisch nur aus Liegen, Sitzen, Kochen, Baden, Lesen, Sitzen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Nichts weltbewegendes also.
Was einen weit größeren und spannenderen Teil des heutigen Tages ausgemacht hat sind meine Gedanken.
Abends habe ich wiedermal eine Dokumentation über Neuseeland angeschaut (jeder kleiner Fetzen, der damit zutun hat, wird von mir aufgesogen als wäre ich ein Schwamm) und hatte mich das erste Mal soweit unter Kontrolle, dass ich nicht zu weinen angefangen habe! Ich habe zugegebenermaßen einmal kurz geschluchzt, aber das ist wirklich ein gutes Zeichen.
Ich konnte meine Gedanken einfach fließen lassen, ohne Angst haben zu müssen, dass ich wieder die Kontrolle und – als Resultat – die Fassung verliere. Ich bin mittlerweile emotional wieder so stabil, dass mich weder die Erinnerungen, noch das „Heimweh“ aus der Balance bringen. Das ist wirklich eine kleine Überraschung für mich. Eine gute, natürlich.
Schon während der Doku hat mein Geist sich in Gedankenspielereien verloren. Aber es waren schöne Gedanken. Sie handelten davon, dass ich eines Tages ebenfalls wieder dahin zurückkehren werde, um zu bleiben.

Aber eine Gedankenspielerei beschäftigt mich heute schon den ganzen Abend… gibt es einen Punkt in meinem Leben, an dem man (wer auch immer) meine Depression hätte verhindern können? Gibt es einen Auslöser, einen kleinen Tropfen, den man hätte verhindern oder zumindest puffern können und somit die gesamte Krankheit? Mein Gedankenkarussell dreht sich… Was meint ihr? Ich weiß, dass viele, die das hier lesen ebenfalls an einer psychischen Erkrankung leiden… Meint ihr es gibt bei uns allen einen Punkt, vor/an dem diese Krankheit hätte verhindert werden können, wenn irgendetwas anders gewesen wäre?

Nachdenkliche Grüße an euch alle und noch einen schönen Abend!
Euer Fräulein Mit-Ohne-Gefühl

Kämpfernatur

Guten Abend!

Danke für all die aufmunternden Worte gestern. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und sie haben mich daran erinnert, was ich eigentlich bin: eine Kämpfernatur.

Heute war ich viel draußen, obwohl es kalt war und geschneit hat. Ich habe mir einen lange gehegten Wunsch erfüllt.
Dummerweise besitze ich kein Auto, was es mir heute etwas schwer gemacht hat – ich habe nämlich ein Terrarium gekauft. Keine Sorge, es war nur ein kleines, aber trotzdem hatte es gute zehn Kilo. Es ist für meine neue Mitbewohnerin – eine Vogelspinne der Art Avicularia versicolor.
Ich habe also das Ding nach Hause geschleppt. Einen ziemlich schwer tragbaren Kasten, weil er wirklich doofe Maße hat: 30x30x45. Das passt natürlich in kaum eine Tasche. Selbst mit der großen, blauen von Ikea war das schwierig.
Trotzdem habe ich mich im Schneegestöber meinen Berg hochgekämpft. Führte zwar dazu, dass ich mich völlig k.o. erstmal im Treppenhaus hinsetzen musste – aber ich hab mich durchgebissen.
Schließlich wollte ich das unbedingt und ich kann auch über mich hinauswachsen. Das muss ich mir einfach immer wieder beweisen.

Heute morgen hatte mich die Depression noch ziemlich fest im Griff. Ich habe wirklich lange gezögert, bis ich das Haus verlassen konnte. Aber ich habe mich irgendwie dann doch aufgerafft. Und ich hoffe, dass meine Kämpfernatur weiter dafür sorgt.

Aber ich war heute auch noch auf einer kleinen Odyssee. Auf dem Weg zum Baumarkt und zurück nämlich. Erstmal bin ich aus dem Bus ausgestiegen und von da aus nochmal circa 800 Meter zu meinem eigentlichen Ziel gelaufen, ich sah danach aus wie ein Schneemann. Dann ein paar Blumen gekauft und ein Wassergefäß. Und es war der bescheuerten Busverbindung zu Verdanken, dass ich schlussendlich den halben Weg nach Hause einfach gelaufen bin.
Wie immer kam natürlich in der nächsten Stunde kein Bus mehr und ich wollte einfach nur nach Hause. Es war nämlich dunkel, kalt und es schneite unaufhörlich. Ich bin circa zwei Kilometer in Richtung meiner Siedlung gelaufen und hab dann noch das letzte Stück den Bus genommen. Zum Glück sind die Pflanzen nicht erfroren, ich wäre es nämlich fast.

Als ich endlich zuhause war, habe ich mir was schönes, süßes mit viel Zimt gekocht :) und mich mit einem Tee auf die Couch gelegt. Und natürlich habe ich das Terrarium eingerichtet, das muss etwas einlaufen, bis ich Anfang Januar meine Süße holen kann.
Haltet mich für verrückt, aber ich bin so fasziniert von diesen wundervollen Wesen. Ich fand Spinnen schon immer toll.

I’ve been different since the day I was born.

Euch noch einen schönen Abend!
Euer Fräulein Mit-Ohne-Gefühl